Anlass für diesen Text war der Single Parents Day am 21. März, zu dem ich die Veranstaltungsangebote durchsah und irgendwann im Gewirr zwischen allerlei Bezeichnungen stecken blieb. Da gab es Veranstaltungen für Alleinerziehende, getrennt und wechselnd Erziehende, Solo-Mütter, Solo-Schwangere mit ihren Kindern und zunehmend keimte in mir das Gefühl, dass die versuchte Präzision mehr Irritation als Klarheit schaffte. Mehr Ausschluss als Einladung aussprach, obwohl ja das genaue Gegenteil das Ziel der mühevollen Auffächerung ist. Fast erschien mir notwendig, doppelt für mich zu klären…was interessiert mich und … bin ich dort willkommen bzw. gemeint?
Alleinerziehend; den Begriff kennen wir ja. Irgendwie gängig, und jeder weiß, was gemeint ist – vermeintlich. Denn allzu oft folgt dem Begriff die innere Einordnung: Schublade auf: aha, diejenige, die allein mit ihren Kindern zuhause hockt und wahlweise vom Vater der Kinder, Vater Staat oder von der Hand in den Mund lebt. Schublade zu. Das allein ist schon ziemlich begrenzend und einengend und löst irgendwas im weiten Spektrum zwischen Empörung und Scham aus. Da gibt es aber noch einiges anderes, was mich an diesem Begriff stört.
Zunächst finde ich erziehen nicht mehr so ganz zeitgemäß. Es löst bei mir eher Assoziationen von erhobenem Zeigefinger, mahnenden Tonlagen oder Schlimmerem aus. Heutzutage begleiten wir ja eher. Die Einschlafbegleitung bspw. ist ein völlig integrierter Term, den ich – zugegebenermaßen anders als die Essens- oder Seinsbegleitung schon in zahlreichen Gesprächen gehört habe. Alleinbegleitend wäre insofern vielleicht moderner und bildete eher eine Haltung ab, Kinder in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung und in gesunden Beziehungen zu bestärken. Mit Blick auf die Kinder wäre das allein schon ein großer Schritt. Alleinsorgend klingt wie vollständig in unseren Zeiten angekommen, erinnert an den wohlwollenden warmen Begriff der Fürsorge und bildet – zumindest in meinen Ohren – ein umfassenderes Verständnis der Verantwortung für Kinder ab. Denn schließlich unterstützen wir nicht nur Kinder im Großwerden, sondern sorgen auch durch Nahrung, (finanzielle) Sicherheit, Heimeligkeit, gemeinsam verbrachte Zeit und emotionale Zuwendung für deren Wohlbefinden. Und ehrlich – ich wünsche allen Kinder eher fürsorgliche Eltern als welche, die primär mit erzieherischen Maßnahmen operieren.
Erziehen ist ja auch gar nicht das grundsätzliche Problem: das krieg ich mit einer halbwegs stabilen Persönlichkeit und einer groben Vorstellung, welche Werte ich vermitteln will, wohl ganz gut alleine hin. Das, was schwierig wird bei der alleinigen Erziehung ist ja nicht die Erziehung. Das was schwierig ist, ist sich aufzuteilen – und ehrlicherweise eher sich aufzureiben zwischen Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, Fürsorge sich selbst und Kind(ern) gegenüber.
Ich selbst habe mich höchst ungern als Alleinerziehende betitelt – spätestens seit ich im Wechselmodell lebe, davor aber nicht minder. Dem lagen bestimmt oben beschriebene unschöne Assoziationen zugrunde, darüber hinaus erschien es mir „anmaßend“ gegenüber all den Frauen, die tatsächlich tagtäglich 24/7 und 365 Tage im Jahr für die Betreuungsarbeit ihrer Kinder allein und ausschließlich verantwortlich zeichnen. Es kam mir vor als wäre das meinem Grad an Eingebundensein irgendwie nicht zulässig gewesen – immerhin hatte ich ja regelmäßige Betreuungsentlastung. Andere Freiräume, kinderlose Zeiten, mehr Gestaltungsspielräume. Kurz: mehr Freiheit.
Und es störte auch ein anderer Grund, mich mit diesem Begriff verortet zu fühlen. Nämlich die großen Krux in geteilter Elternschaft, die grundsätzlich auf einer schönen Entwicklung beruht… Denn heutige Väter wollen viel involvierter sein und sind es in den meisten Fällen auch.
Sie möchten nicht mehr nur gelegentlich eine Geburtstagskarte schreiben oder mal zwei Wochen mit dem Nachwuchs in den Urlaub fahren und schon gar nicht aus der Ferne irgendwelche Geldbeträge zuschieben. Das ist alles natürlich wunderbar. Wir haben heute mehr und mehr sorgende Väter. Väter, die mitbestimmen wollen, die nicht einfach verschwinden, sondern Verantwortung übernehmen wollen und es auch tun. Männer, die ihr Sorgerecht wahrnehmen und bei relevanten Entscheidungen mitbestimmen möchten. Das klingt toll, nur: ist es manchmal leider eben nicht.
Denn für viele Frauen entsteht genau in der Tatsache, nicht alleinsorgend zu sein die tatsächlich größere Herausforderung in der neuen Lebensform. Nicht selten erlebe ich in meiner Arbeit den expliziten Wunsch, allein zu entscheiden, insbesondere, wenn die Kommunikation zwischen den Elternteilen stark erschwert ist, was nicht immer, aber allzu oft der Fall ist.
Denn bei geteiltem Sorgerecht müssen viele vermeintlich persönliche Belange gemeinsam entschieden werden – und wie das ausgestaltet wird, da gibt es problematisch unterschiedliche Auffassungen.
Es gibt zahlreiche Fälle, in denen Kommunikation vermieden wird. In denen Mitsprache punktuell eingefordert wird, auch wenn im Alltag die echte Beteiligung ausbleibt. In denen das Mitspracherecht der verlängerte Arm etablierter Machtdynamiken ist. Und es gibt ebenso viele, die sich insgeheim wünschen, alleinsorgend zu sein, um nicht ständig um Konsens ringen zu müssen, wo kein echtes Gegenüber da ist. Oder wo dieses Gegenüber nach Gemütslage aufpoppt und verschwindet wie bei diesem Maulwurf-Hammer-Spiel auf dem Rummel. Nie so richtig da und nie so richtig weg. Eine ganze Zeit abgetaucht und plötzlich wieder auf der Bildfläche präsent. Und ist man dem Auftauchen gerade gewahr geworden, verschwindet die Figur schon wieder in ihrem Schlupfloch. Für viele liegt genau hier der Schmerz: zu kooperieren mit jemandem, der Involviertheit streut oder faktisch eine stille Koexistenz gewählt hat.
Und das wirft die Frage auf, was wollen wir denn eigentlich mit diesen Bergriffen – Lebensrealitäten beschreiben oder – und ich befürchte, dass ist nicht dasselbe – alleinsorgende Eltern bestärken? Bestärken mit Begriffen, in denen sie sich und ihre Realität wahlweise gesehen, angesprochen oder anerkannt fühlen? Das hieße dann allerdings die folgende Komplexität abzubilden: leider allzu oft zermürbende Sorgerechtsskonflikte, die sich aus fehlender alleiniger Entscheidungskompetenz ergeben bei umfassender Alleinverantwortung im Alltag. Und das bedeutet: alleinverantwortliche Betreuungs- und Lebensgestaltung, kein Backup bei Notfällen; Alleinsein mit Grundsatzfragen der Kinderfürsorge (um nicht Erziehung zu sagen). Und nicht zuletzt, weil so unfassbar relevant: die alleinige Verantwortung für das Familieneinkommen mit genderspezifischen Herausforderungen.
Und dann versuche ich im Angesicht dessen doch wieder ein sachlicheres Wort zu finden, wie z.B. getrennt lebende Elternteile. Das macht klar: es gibt ein Elternpaar, das nicht mehr zusammen lebt, aber irgendwie im Elternsein agiert. Es ist ausreichend nüchtern, mit wenigen Implikationen und deckt vollumfänglich Wochenendväter, Wechselmodelle und sogar abwesende Väter ab – die restlichen „Details“ wie sich Elternschaft gestaltet oder tatsächlich gelebt wird, sind ohnehin so individuell, das kein Begriff sie zu fassen vermochte. Analog ließe ich von geteilter Elternschaft oder einzelnen Elternteilensprechen, was Solo-Eltern und verwitwete Elternteile ebenso einbeziehen würde.
Was ein Bemühen: wir führen immer neue Begriffe ein, präzisieren, feilen an Klarheit, importieren aus anderen Sprachen im Hoffen durch mehr Nuancen der Realität ein Stück näher zu kommen. Und übersehen dabei möglicherwiese, dass das Problem gar nicht sprachlich zu lösen ist. Denn die Unschärfe liegt vielleicht gar nicht in und an den Begriffen. Vielmehr liegt sie in den Lebensrealitäten, die wir so gern vereinfachen möchten. Aber es hilft nichts; am Ende des Tages werden wir reden müssen – und mehr noch: zuhören, wie Familie nun spezifisch gelebt wird. Wie Verantwortung oder Sorge darin gehandhabt werden. Denn meistens ordnen wir vorschnell ein: da heißt alleinerziehend prekär. Wechselmodell bedeutet harmonisch. Und Solo-Mom vermeintlich unabhängig. Und nichts davon stimmt – zumindest nicht zuverlässig. Denn komplexe Sorgeverhältnisse lassen sich nicht in ein einziges Wort zwängen. Vielleicht wäre es ein Fortschritt, sich von diesem Streben zu lösen. Alleinlebend mit Kind geistert mir trotzdem durch den Kopf, weil es schlicht ist und aus der Perspektive beider Elternteile stimmt. Und gleichzeitig einen kleinen Widerspruch in sich trägt, denn wer mit Kindern lebt, ist ja nicht allein. Aber vielleicht hilft genau diese kleine Irritation.
Mit Kind(ern) alleinlebend.
Ein Begriff, offen genug, um zu interessiertem Nachfragen einzuladen. Und: ein Begriff, der nicht schon in sich versucht, präzise Antwort zu sein.
